Ungarischer Botschafter in Marburg

Auf Einladung des heimischen Bundestagsabgeordneten
Dr. Stefan Heck besuchte der außerordentliche und bevollmächtigte Botschafter von Ungarn in der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Péter Györkös, einen Tag lang die Universitätsstadt Marburg.

Zunächst wandelte man unter fachkundiger Führung auf den Spuren der Heiligen Elisabeth. Die Tochter des ungarischen Königs Andreas II. verbrachte ihre letzten Lebensjahre in Marburg. Viele Zeugnisse ihrer ungarischen Wurzeln sind daher im Stadtgebiet noch heute zu finden. „Ich bin begeistert darüber, wie viele Bezüge sich zu Marburg und Ungarn aufbauen lassen, und das mit der Hl. Elisabeth die Großmutter des ersten Hessischen Landgrafen aus Ungarn stammt“, so der Botschafter.

Weitere Anknüpfungspunkte zu Ungarn konnte man auch bei der anschließenden Betriebsbesichtigung der Impfstoff-Produktionsstätte von GlaxoSmithKline (GSK) am neuen MARS-Campus finden. GSK produziert unter anderem auch Impfstoffe an einem Standort in Ungarn und beide Standorte stehen daher in engem Austausch.

Am Abend stellte sich der Botschafter dann im Rahmen einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung unter der Überschrift „Europa am Scheideweg?“ den zahlreichen Fragen von Bürgerinnen und Bürger. Dr. Stefan Heck leitete die Veranstaltung ein, indem er Ungarn für die großen Verdienste zur Wiedervereinigung Deutschlands dankte und er darauf hinwies, dass man in der Europäischen Union vielleicht zur Zeit nicht immer einer Meinung sei, die positive Resonanz zur ungarischen Politik in der deutschen Bevölkerung aber größer sei, als sie manchmal nach außen hin kommuniziert werde.

Der Botschafter stiegt direkt in das Thema des Abends sein: „Die EU ist eine Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft.“ Ungarn habe das immer beherzigt. Durch die Schließung des Flüchtlingskorridors entlang der grünen Grenze Ungarns sei man der Verantwortung zum Schutz des europäischen Binnenmarktes nachgekommen. Das sei die Aufgabe der Länder an den Außengrenzen der EU. „Eine solche Grenzsicherung ist aber nicht mit Plüschtieren und Blumen zu realisieren. Wir haben den Zaun errichtet, um die Kontrolle wiederzuerlangen und die regulären Grenzübergänge zu stärken. Die Realität sah monatelang so aus, dass pro Tag rund 10.000 Menschen die Außengrenze Europas überschritten haben, um dann unregistriert irgendwo – zumeist in Deutschland – zu verschwinden“, so der Botschafter und ergänzte: „Gleichzeitig haben wir allen Mitgliedern der EU dadurch auch einen Solidarbeitrag geleistet, denn ohne die Sicherung der Grenzen hätte zum Beispiel die Bundesrepublik anstatt einer Millionen Zuwanderer wahrscheinlich vier Millionen Zuwanderer in ihrem Land zu verzeichnen.“ Die Sicherung der Grenze sei zu 100 Prozent aus ungarischen Steuergeldern bezahlt worden – auch ein Solidarbeitrag zur EU.

Die von der EU-Kommission angedachte Verteilung der Flüchtlinge auf die Mitgliedstaaten sei in vielerlei Hinsicht falsch. Zum einen generiere es ein falsches Signal an die Flüchtlinge und deren Schlepper, zum anderen funktioniere eine solche Verteilung in der Praxis nicht. „Wir können in Ungarn gerne pressewirksam die zugeteilten Migranten aufnehmen. Die Realität zeigt aber, dass diese danach innerhalb von Stunden und Tagen sowieso wieder auf dem Weg nach Deutschland sind. Diese Menschen wollen nicht verteilt werden und niemand kann sie dazu zwingen in dem Land zu bleiben, dem sie zugeteilt wurden. Das gesamte Problem der Flüchtlinge und Völkerwanderung lässt sich sowieso nicht auf europäischem Boden lösen. Und auch für die Ursachenbekämpfung in den betroffenen Ländern, wie zum Beispiel Syrien und Irak, leistet Ungarn seinen Beitrag – finanziell, humanitär und auch personell“, resümiert der Botschafter. „Wir möchten, dass man in Europa die eigenen und die fremden Probleme eher pragmatisch angeht, anstatt ständig ideologisch geprägte Diskussionen innerhalb der EU und in der Kommission zu führen“.

Zur Person:
Dr. Péter Györkös ist seit November 2015 außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter von Ungarn in der Bundesrepublik Deutschland. Zuvor war er von 2010-2015 Leiter der Ständigen Vertretung Ungarns bei der Europäischen Union. Während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft von Januar bis Juni 2011 leitete er den Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten COREPER.
Von 2007-2009 war Dr. Györkös Botschafter von Ungarn in Zagreb, Kroatien, und von 2004-2006 Leiter des Referats Europa im Amt für EU-Angelegenheiten im Ministerpräsidialamt.
Von 1988 bis 2004 besetzte Botschafter Dr. Györkös verschiedene Positionen im ungarischen Außenministerium, wo er u.a. die Prozesse für den Beitritt Ungarns zur EU begleitete. Seine Tätigkeit führte ihn immer wieder in den deutschsprachigen Raum und die Beneluxländer. Dazu kamen Lehrtätigkeiten am College of Europe, Brügge/Belgien sowie am Fachgebiet Internationales Recht der ELTE-Universität Budapest/Ungarn.